Der Anteil der Fachmänner Betreuung in Ausbildung und Beruf hat in den letzten Jahren zwar zugenommen – im Vergleich zu ihren weiblichen Kolleginnen sind sie jedoch nach wie vor stark untervertreten. Insbesondere in der Zeit während der Ausbildung sind sie deshalb mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. Um die Fachmänner Betreuung in der Ausbildung besser zu begleiten und sie bei ihren spezifisch männlichen Fragen und Problemen besser zu unterstützen, führt die BFF seit 2015 das Projekt «Männer in Betreuungsberufen» durch. Das Projekt fokussiert dabei insbesondere Männer in der Kinderbetreuung. Wie die Arbeit mit den zukünftigen Fachmännern Betreuung abläuft, zeigt das Interview mit einem der Kursleitendenden, Pascal Sunier.
Herr Sunier, was bezweckt das Projekt «Männer in Betreuungsberufen»?
Die Zahl der Ausbildungsabbrüche ist bei den Fachmännern Betreuung auffallend hoch. Diese Zahl nahm in den letzten Jahren zwar ab, aber es sind immer noch viel mehr Männer als Frauen, die die Ausbildung vorzeitig beenden. Das Projekt bietet den männlichen Lernenden in der Anfangszeit ihrer Ausbildung ein Gefäss zum Austausch. Dort können die Lernenden feststellen: Ich bin nicht alleine, andere männliche Lernende sind mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert.
Wie sieht die Arbeit im Projekt konkret aus?
Wir treffen uns im ersten Ausbildungsjahr. Dort sind die Unsicherheiten am grössten und die Ausbildungsabbrüche am häufigsten. Deshalb kommen alle männlichen Lernenden in Gruppen von acht bis neun Lernenden zu einem von uns geleiteten Austausch. Dieser findet während des Regelunterrichts statt, ist obligatorisch und dauert zwei Lektionen. Im Austausch diskutieren wir über aktuelle Probleme im Lehrbetrieb, die die Lernenden aufgrund ihres Geschlechts haben. Wir sprechen also über Fragen zur Nähe und Distanz, zur Gleichstellung und thematisieren die Inklusion in der Betreuungsarbeit.
Mit welcher Haltung kommen die Männer in den Austausch?
Das ist sehr unterschiedlich. Einige sind zu Beginn noch eher zurückhaltend, andere sind von Beginn an sehr offen. Das Setting der Männergruppe hilft auf jeden Fall, dass sie sich öffnen können. Sie erleben den Austausch als sehr gewinnbringend und bewerten ihn fast durchwegs positiv.
Welche Erfahrungen machen die männlichen Lernenden in dieser Zeit?
In den meisten Lehrbetrieben, also den Kitas und Tagesstätten, sind die männlichen Lernenden sehr gut integriert. Auf der Ebene der Gleichstellung zeigen sich oft noch immer kleinere und grössere Unterschiede. Beispielsweise dürfen einige männliche Lernende erst zwei Monate später wickeln als ihre Kolleginnen. Und auch in vielen pädagogischen Konzepten wird nur die weibliche Form aufgeführt. Im Austausch motivieren wir die männlichen Lernenden, solche Dinge zu thematisieren.
Eine Veränderung ist durchaus spürbar: In den letzten Jahren haben viele Kitas ihre Konzepte angepasst und fördern die Gleichstellung der männlichen und weiblichen Mitarbeitenden. Es gibt unterdessen einige Kitas, die bewusst Fachmänner Betreuung einstellen, um den Geschlechteranteil der Teams auszugleichen.
Und wie reagieren die Eltern auf die männlichen Betreuungspersonen?
In den meisten Fällen sehr positiv. Sie schätzen es, dass es z.B. in der Kita für den Sohn oder die Tochter auch eine männliche Bezugsperson gibt. Es gibt allerdings immer wieder Väter, die keine männliche Betreuungsperson für die Tochter wünschen – dies aus kulturellen Gründen oder auch schlicht aus Eifersucht. In diesen Fällen reagieren die Kitas meistens sehr gut und weisen die Eltern darauf hin, dass sie die männliche Betreuungsperson entweder zu akzeptierten haben oder eine andere Kita suchen müssen. Aber meistens erledigt sich das Problem mit dem Beziehungsaufbau nach ein bis zwei Monaten von selbst: Männliche Lernende erzählen, dass sie oft insbesondere zu den Vätern eine sehr gute Beziehung aufbauen können und die Väter beim Übergabetermin bewusst die männlichen Lernenden aufsuchen.
Auch alleinerziehende Mütter schätzen die Männer in der ausserfamiliären Betreuung sehr, da zuhause die männliche Bezugsperson fehlt.
Wie ist die Wertschätzung für die Berufswahl im Freundeskreis?
Es sind durchaus noch immer Vorurteile vorhanden. "Ein wenig basteln und spielen gehen", das sind Aussagen, die einige Fachmänner Betreuung mit Humor nehmen können, anderen aber oft Mühe bereiten. Wir diskutieren, wie die grosse Verantwortung, die in diesem anspruchsvollen Beruf getragen wird, kommuniziert werden kann.
Weshalb arbeiten immer noch so wenig Männer in Kitas?
Es gibt Umfragen, die zeigen: 70 bis 80% der Fachmänner Betreuung wollen nach Ausbildungsabschluss nicht auf diesem Beruf weiterarbeiten. Das hat unterschiedliche Gründe. Viele wollen eine weiterführende Ausbildung machen, z.B. als Sozialpädagoge HF oder Kindererzieher HF. Ein grosses Problem und mithin der Hauptgrund, weshalb die Männer nicht im Beruf bleiben, ist aber das tiefe Lohnniveau als Fachperson Betreuung.
Insofern fehlt nach wie vor die Wertschätzung in der Gesellschaft für die vorschulische Betreuungsarbeit. Sehr deutlich wird dies beim Eintritt der Kinder in den Kindergarten: Das ist für viele Eltern ein extrem bedeutsamer Moment. Die Kita-Zeit hat diesen Stellenwert nicht, obwohl sie für die Entwicklung der Kinder von ebenso grosser Bedeutung ist. Möglicherweise wird sich diese Einstellung etwas ändern mit der Einführung der Bildungs-Kitas.
Pascal Sunier ist zusammen mit Patrick Thomet Kursleiter des Projekts